Zu einer umfassenden Ausbildung auf der Geige gehört im Laufe der Jahre das Training verschiedener Tonarten und entsprechender Griffmuster. Von den 24 Dur- und Molltonarten spielen in der geigerischen Praxis einige Tonarten allerdings eine herausragende Rolle. So sind etwa Stücke in Tonarten, die den leeren Saiten auf der Geige entsprechen (siehe auch ➥ Geige Stimmen), häufig nicht nur bequemer zu greifen, sondern auch klanglich besonders attraktiv, indem sie das volle Resonanzpotenzial der Geige ausschöpfen. So verwundert es kaum, dass einige der berühmtesten Violinkonzerte genau in Tonarten, die den leeren Saiten der Geige entsprechen, komponiert wurden, z. B.:
Die Klangcharakteristik von Tonarten ist instrumentenspezifisch. Für viele Instrumente lassen sich Tonarten identifizieren, die besonders günstig oder ungünstig zu spielen, oder klangliche Besonderheiten (etwa einen strahlenden oder besonders weichen Klang) hervorrufen. So gibt es auch auf der Geige Tonarten, die ein vergleichsweise weniger strahlendes Klangbild erzeugen, indem sich die Grundtöne der wichtigsten Akkorde einer Tonart nicht mit den leeren Saiten decken und demzufolge ein geringeres Resonanzpotenzial aufweisen.
Es gibt in Bezug auf charakterliche Zuschreibungen von Tonarten eine lange und durchaus wechselvolle Tradition. Eine besonders häufige Tonart, die in der klassischen Epoche vorrangig mit Attributen wie „feierlich” oder „majestätisch” versehen wurde, aber eigentlich ein eher mattes Klangbild begünstigt, ist Es-Dur. So komponierte etwa Haydn von seinen 68 Quartetten allein 11 in dieser Tonart.
Auch beim Geigenunterricht (und in Violinschulen, Etüdenheften und pädagogischen Systemen) stehen in den ersten Lernmonaten diese besonders wichtigen Tonarten im Zentrum. In weiterer Folge werden die Griffe für den gesamten Tonumfang der ersten Lage für die Tonarten G-Dur, D-Dur, A-Dur, B-Dur und Es-Dur vorgestellt, um eine erste Annäherung zu erleichtern.
G-Dur ist jene Tonart, die häfig zuallererst auf der Geige gelernt werden soll. Die Tonarten von Musikstücken lassen sich meistens durch einen Blick auf die Vorzeichen zu Beginn der Notenzeile und durch den letzten Ton bzw. Akkord des Stücks identifizieren. Auch die Tonart G-Dur der folgenden Melodie ist auf diese Weise herauszufinden, sofern man sich bereits die ersten Grundkenntnisse der Notation und Musiktheorie angeeignet hat:
Durch das Kreuz zu Beginn der Notenzeile wird der Stammton F zu Fis erhöht (unter Stammtönen sind die Töne C, D, E, F, G, A, und H der C-Dur-Tonleiter zu verstehen). Das entsprechende Griffmuster für G-Dur lässt sich in der ersten Lage durch eine Kombination aus der ersten Griffart auf der G- und D-Saite sowie der zweiten Griffart auf der A- und E-Saite (siehe auch ➥ Weitere Griffarten) bilden. Es ergibt also Sinn, sich bei den ersten Stücken oder Skalen in G-Dur vorrangig auf den Stellungswechsel des zweiten Fingers zu konzentrieren:
Im Notensystem lässt sich der volle Tonaumfang in der ersten Lage folgendermaßen notieren:
Leere Saiten und vierter Finger stellen hinsichtlich der Tonhöhe Alternativen dar – der passende Fingersatz sollte stets im Hinblick auf den Verlauf eines Stückes und den klanglichen Kontext entschieden werden.
Bei D-Dur stehen als Vorzeichen zwei Kreuze, wodurch die Stammtöne F und C zu Fis und Cis erhöht werden. Daraus ergibt sich folgendes Griffmuster: Auf der D- sowie auf der A-Saite wird die erste Griffart gegriffen, auf der E-Saite hingegen die zweite Griffart. Auf der G-Saite wird im Unterschied zur ersten Griffart zudem der dritte Finger hoch gegriffen:
A-Dur erkennt man daran, dass zu Beginn der Notenzeile drei Kreuze vorgezeichnet werden. Die Stammtöne F, C und G werden zu Fis, Cis und Gis erhöht. Entsprechend wird für A-Dur auf der A- und der E-Saite die erste Griffart gegriffen. Auf der G-Saite und der D-Saite wird (im Unterschied zur ersten Griffart) der dritte Finger hoch gegriffen. Auf der tiefsten Saite gibt es zudem die Besonderheit, dass anstelle der leeren Saite der erste Finger in Richtung Schnecke gestreckt werden muss, um den tiefsten Ton (Gis) zu greifen:
▶ Tipp: Es lohnt sich, den vierten Finger öfters mit der leeren Saite zu vergleichen (es soll sich bei den Tonarten G-Dur, D-Dur und A-Dur um exakt dieselbe Tonhöhe handeln). Zu Beginn wird der vierte Finger häufig zu tief gegriffen.
Bei B-Dur stehen zu Beginn der Notenzeile 2 b, wodurch die Stammtöne H und E jeweils um einen halben Ton erniedrigt werden und folglich als B und Es zu greifen sind. Demgemäß ist es nötig, den ersten Finger auf der D-, A- und E-Saite tief zu greifen sowie den vierten Finger auf der A- und E-Saite eng zum dritten Finger zu greifen. Vor allem auf der D-Saite ergibt sich in Kombination mit dem nicht tief zu greifenden vierten Finger eine etwas erhöhte Spannung in der Hand.
▶ Tipp: Insbesondere, wenn zu Beginn Spannungszustände noch eine größere Rolle spielen, sollte darauf geachtet werden, dass die Handposition insgesamt nicht verändert wird, sondern bei Tonarten wie B- oder Es-Dur nur der erste Finger in Richtung Schnecke gestreckt wird. Die Änderung der Position findet vor allem im Grundgelenk des Zeigefingers statt, Daumen und Hand bleiben am gewohnten Platz.
Bei Es-Dur werden 3 b vorgeschrieben: A wird zu As. Der tiefe dritte Finger auf der E-Saite ist zu Beginn häufig eine Herausforderung:
▶ Tipp: Diese Grifftabellen bieten eine erste Annäherung an das Thema Tonarten auf der Geige. Um entsprechende Griffmuster zu festigen und auszubauen, empfiehlt es sich, im Geigenunterricht Tonleitern bzw. Skalen (weiterlesen: ➥ Basistraining mit Tonleitern) in die regelmäßigen Übeeinheiten zu integrieren.